Dorothee Schön, MFG-Star-Jurorin 2017 über ihre Jurorin-Tätigkeit 1989 in Baden-Baden am Tag des Mauerfalls

Guten Abend, liebe Freunde des gepflegten 90Minüters,

bevor ich meine Entscheidung verkünde, muss ich Sie alle noch etwas auf die Folter spannen. Ich muss Ihnen nämlich erst eine Geschichte erzählen. Bei mir als Autorin ist das so eine Art „Déformation professionelle“. Ich hoffe, Sie verzeihen mir das.

Die Geschichte hat sich von genau 28 Jahren zugetragen. Ich war damals Mitte Zwanzig, selbst frischgebackene Absolventin der HFF München, frischgebackene Mutter eines nachtaktiven Säuglings und mein Abschlussdrehbuch „Blauäugig“ war bereits verfilmt. Ich harrte zwar nicht darauf, dass Hollywood anrufen würde, aber ich hoffe, dass zumindest irgendwer aus der Filmbranche anrufen würde. Aber es tat sich erstmal nichts. Vielleicht war ich tagsüber einfach nur zu müde und habe das Klingeln überhört…

Doch dann geschah das Wunder: Der von mir tief verehrte und bis heute unvergessene Hans Abich, kluger Grandseigneur und Pionier des deutschen Fernsehens, rief mich an und lud mich kleines unbedeutendes chick in die Jury eines Fernsehfilm-Festivals ein, das er zum ersten Mal veranstalten wollte. Er könne mir kein Honorar anbieten, dafür aber vier Tage Brenners Parkhotel und unter seinem Vorsitz erstmals öffentliche Jurydebatten mit spannenden Kollegen. Er hatte den Satz noch nicht beendet, das rief ich schon „Ja“ und versicherte, dass ich für diese Aussicht sogar zu Fuß nach Baden-Baden laufen und unter einer Oos-Brücke schlafen würde. Ich drückte also das Baby meinem heldenhaften und selbstlosen Mann in den Arm und machte mich auf den Weg zu diesen neuartigen „Tagen des Fernsehspiels“, die wirklich – ich schwöre – kein Mensch kannte.

Die Jury bestand außer Hans Abich und mir, aus der Regisseurin Helma Sanders-Brahms, dem Filmkritiker Uwe Kammann und dem Hörspielautor Peter Jacobi. Wir tagten in einem trostlosen Seminarraum der Volkshochschule Baden-Baden, dessen Tür wir offen ließen, damit mögliche Besucher leichter zu uns finden könnten. Wir saßen vor einem nicht allzu großen Röhrenfernseher, schoben eine Videokassette nach der anderen in den Recorder und diskutierten jeden Film „öffentlich“, also vormittags meist mit hereinschlappenden Rentnern und Hausfrauen, die sich in der Volkshochschule herumtrieben, und nachmittags mit Schülern, die dort sonst Schreibmaschinen- und Sprachkurse belegten. Die Macher der Filme lernten wir nicht kennen – keiner von ihnen hatte den Weg zu dieser neuartigen Veranstaltung gefunden. Alles hätte so schön sein können, wenn nicht…

Tja, wenn nicht der Abend des ersten Sichtungstages, als wir filmsatt und angeregt plaudernd beim Essen saßen, der Abend des 9. November 1989 gewesen wäre. Die Nachricht vom Fall der Mauer schlug in unserer Runde ein wie eine Bombe. Helma Sanders-Brahms hatte sofort einen Nervenzusammenbruch, schließlich lebte sie schon seit ewigen Zeiten in Westberlin und war nun ausgerechnet in dieser historischen Stunde nicht Zuhause! Gerne wäre sie sofort abgereist, aber das ging ja nicht, daher überstand sie die folgenden Tage nur mit Hilfe von schwerem Rotwein. Wir mussten auf Gedeih und Verderb weiter von morgens bis abends Fernsehspiele des vergangenen Jahres sichten, für die sich jetzt nicht einmal mehr Rentner und Hausfrauen interessierten. Und da es damals keine Handys gab, auf denen man sich tagsüber mal dezent über den Stand dieser welterschütternden Ereignisse informieren konnte, stürmten wir jeden Abend zurück ins Hotel, jeder allein auf sein Zimmer, und schaltete den Fernseher an, um die Bilder zu sehen, die die Welt bewegten. Mein ganzer Plan, mich im Brenners Parkhotel einmal richtig auszuschlafen und verwöhnen zu lassen, war dahin.

Am Ende haben wir „Tiger, Löwe, Panther“ von Dominik Graf zum Gewinner gekürt. Bevor wir uns daranmachten, die Laudatio zu formulieren, legte uns Hans Abich dringend ans Herz, uns mit diesem Text sehr viel Mühe zu geben. Der Wert dieses undotierten Preises bemesse sich allein an der Qualität der Laudatio. Wir sollten nichts weniger als bleibende Worte für den Gewinner finden. Dominik Graf hat mir später versichert, dass uns das gelungen sei.

Damit bin ich am Ende meiner Geschichte angelangt und komme nun zu der schweren Aufgabe, auch heute, 28 Jahre später, die richtigen Worte für meine Laudatio zu finden.

Dorothee Schön / MFG-Star-Jurorin 2017
am 1. Dezember 2017