Jurybegründungen zu den Preisen 2011

Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste

Homevideo (ARTE / NDR / BR)

Wir leben in einer Zeit, in der Kommunikation leicht und schnell ist. Der Mensch scheint transparent zu sein, offen und medial allzeit verfügbar. Aber die neue virtuelle Welt hat seine Schattenseiten. Das Private löst sich auf. Die Intimsphäre ist nicht mehr zu schützen. Man verliert die Kontrolle über das eigene Leben.

Das schildert auf drastische Weise der Film HOMEVIDEO. Das Schicksal des 15jährigen Gymnasiasten Jakob spult sich ab wie eine gegenwärtige griechische Tragödie. Das Ende ist unvermeidlich. 

Das Fernsehspiel von JAN BRAREN und KILIAN RIEDHOF führt ins Mark der Gegenwart, der Verletzbarkeit des Individuums in der grenzenlosen mediatisierten Welt. Rufmord ist heute Cyber-Mobbing geworden und die Welt der Erwachsenen steht ahnungs- und hilflos daneben. Die Jugendlichen bewegen sich längst in einem Paralleluniversum, abgekapselt und der Anarchie der Cyberwelt ausgeliefert.

Der Film ist radikal und konsequent. Er lässt dem Zuschauer keine bequemen Ausflüchte. Die starke Geschichte des jungen Jakob wird in einer modernen Filmsprache erzählt, die diese Welt sehr eindrücklich und sinnlich nahebringt: vom vielschichtigen Drehbuch, das auch der Sprachlosigkeit Raum gibt, über die hochsensible Regie, eine Kameraführung, die unter die Haut geht, und großer schauspielerischer Kraft und Unmittelbarkeit. Ein Film - dem man sich nicht entziehen kann.

HOMEVIDEO ist starkes und mutiges Fernsehen auf der Höhe der Zeit.

Die Entscheidung der Jury war einstimmig.

 

Sonderpreis für eine herausragende Komödie

Vater, unser Wille geschehe (SRF)

Ein beschauliches Dorf in der Schweiz. Eine Pfarrersfamilie mit 3 erwachsenen Kindern. Ein Autounfall, der das Familienoberhaupt ins Wachkoma wirft, und eine Patientenverfügung, die dringend diskutiert werden muss. Aus einem Stoff wie diesem könnte man eine Tragödie machen. Nichts ist so, wie es vorher war. Alle fallen in ein Loch, etc. pp.

Es geht um Leben und Tod, um Marienerscheinungen und Wunderheilungen, aber es geht auch um Linzertorte, mysteriöse Finnen im Talar und ein Kamel namens Wolf-Dieter. Wir Juroren kamen gestern lächelnd und beschenkt aus der Vorführung. Und es war klar: dieser schräge, warmherzige, quicklebendige Heimatfilm, der nicht nur komisch, sondern regelrecht kosmisch ist, muss einen Preis bekommen. Das Drehbuch von Martin Maurer trifft bei aller Kompliziertheit eines so komplexen Themas wie Sterbehilfe einen Ton, der sozusagen von innen heraus lächelt. Der Regisseur Robert Ralston, dessen erster Fernsehfilm das ist, führt das wunderbare Ensemble über die Klippen menschlicher Abgründe, als hätte es Flügel. Kamera und Musik schaffen magische Momente. Und der Leistung der Schauspieler um die grandiose Hauptdarstellerin Charlotte Schwab ist es zu verdanken, dass uns die skurrile Familie, ja, die ganze Dorfgemeinschaft, sofort ans Herz wächst. Der Sonderpreis für eine herausragende Komödie geht an „Vater, unser Wille geschehe“.

 

Sonderpreis für eine herausragende Literaturverfilmung

KASIMIR UND KAROLINE (ZDFkultur / ARTE)

KASIMIR UND KAROLINE spielt nicht nur auf dem Oktoberfest, er ist wie das Oktoberfest.

Wir finden uns auf einer Achterbahn wieder, sie zieht uns langsam hinauf, um uns dann in die Tiefe schießen zu lassen. Sie jagt uns in den Überschlag, die Welt steht auf dem Kopf, wir schreien, verschließen die Augen, klammern uns an die Griffe, werden abgebremst. Wir taumeln aus dem Wagen, aber der Boden unter den Füssen schwankt weiter, das Herz rast und stürzt unablässig.

Der Film lässt uns durch Spiegelkabinette irren, lässt uns anrennen gegen das eigene Spiegelbild, den Kopf blutig schlagen. Er lässt die Hoffnung wie Luftballons im Pfeilregen platzen. Die Blechdosen klirren zu Boden, wir werden aufs Korn genommen, werden berauscht bis zur größten Ernüchterung, wir werden ausgenüchtert, liegen am Rand, und alles schwirrt. Die Knie sind weggebrochen, und die grellen Farben, die das Glück sprühen sollten, bringen alles an den Tag, was sie vergessen machen sollten.

Die Moral kommt nach dem Saufen für die, die alles schlucken mussten, weil sie nichts zu fressen hatten, aber aufgefressen sind von ihrem Sehnen.

KASIMIR UND KAROLINE, der fast nichts gekostet hat, aber uns zeigt, was das Leben kostet, wie wir dafür bezahlen müssen, wie der, der nicht kaufen kann, gekauft wird, wie ihm der Schneid abgekauft wird, wie ein Leben und eine Liebe zum Schnäppchen werden, weil die Geilen zu geizig sind, das Glück zu teilen.

Wenn sie nach dem Ende des Oktoberfest die Zelte abbauen und die Buden, wenn die Illusionen eingepackt werden, laufen die Kinder des Viertels auf die Wiesn und finden unter den Brettern die Scheine und Münzen auf dem Boden, die durch die Ritzen fielen. Und vielleicht auch ein kleines Ansteckherz, das noch weiterleuchtet, dessen Batterie noch immer nicht leer ist.

KASIMIR UND KAROLINE ist eine Literatur-, eine Theaterverfilmung wie sie schöner kaum sein kann, denn wir können die Bilder lesen. Sie lassen uns Raum, selbst dort, wo die Menschen sich zwischen den Festzelten drängen und einander erdrücken im Fröhlichsein. Die Interpretation von Ben von Grafenstein und Autor Michael Klette - unterstützt von der gewagten Kameraführung von Ralf Noack – und der mitreißenden Schauspielleistung des Ensembles, ist pralles heutiges Leben und moderner-relevanter Film.

Ödon von Horvaths Theaterstück aus dem Jahre 1932 ist neugeboren.

KASIMIR UND KAROLINE ist ein Film, in dem wir einsam sein dürfen – so einsam wie mit einem Buch in der Hand.

 

Sonderpreis für eine herausragende schauspielerische Leistung

in dem Polizeiruf 110 „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

MATTHIAS BRANDT

Denn er weiss, was er tut.

Seine Augen wissen, sein Blick geht in den Tunnel der Seelen, an dessen schwärzestem Ende er ein Licht zündet, weil er ins Dunkel schaut, um ihm einen Zigarettenzug lang Hoffnung abzutrotzen, ein kurzes Aufglühen gegen die Verzweiflung und die Umarmung der Schatten.

Matthias Brandt, Kommissar von Meuffels, wirft ein Auge auf die Menschen, auf das Übersehene, sein Blick hält Stand, hält Wort, denn er spricht das aus, was unausgesprochen blieb, er verspricht Auge in Auge, dass er wahrnimmt, was niemand als Wahrheit aushält.

Von Meuffels hat sein Herz in den Augen und er kann sie wie ein Herz öffnen. Er ist einer, der sich erschüttern lässt und unter dem Verschütteten bis zuletzt an eine Möglichkeit des Lebens und Überlebens in Würde glaubt.

Obwohl er eigentlich an nichts mehr glauben kann, glauben möchte, ist Etwas stärker in ihm, das seinem Wissen widerspricht.

Mattias Brandt weiss, was er tut und was er nicht tut; er ist ein Ausnahmeschauspieler, weil für ihn die Ausnahme die Regel und jede Regel dazu da ist, gebrochen zu werden.

Er bricht die Herzen, wo wir sie versteinert glauben und schlägt aus den Steinen Funken. Er gewöhnt unsere Augen an das Dunkel in uns, bis wir wieder zu sehen lernen und zurückfinden, er stolpert, tastend, uns verletzend, um dann festen Schrittes den Weg aus dem Tunnel zurückzufinden.

Matthias Brandt ist eine Ermutigung, er schenkt uns Sehkraft, und keine Sendeplatzscheuklappen können uns blind dafür machen.

Matthias Brandt ist ein Schauspieler, der an einen Zuschauer auf Augenhöhe glaubt und riskiert.

Und nicht zuletzt deshalb hat er diesen Preis – für alle sichtbar – verdient!

 

Sonderpreis für eine innovative und stilbildende Kameraarbeit

in den Filmen “Homevideo” (ARTE / NDR / BR) und “Die fremde Familie“(BR) an:

Benedict Neuenfels

Die Kamera Benedict Neuenfels steht für eine geradezu seismographische Bildsprache.

Nie drängt sie sich in den Vordergrund, sondern sie zeigt vielmehr Hintergründe, Abgründe, Seelengründe. Sie hat einen Blick für das Unsichtbare im Offensichtlichen. Diese Kameraästhetik ist immer einen inhaltliche, das Äussere ein Spiegel der Innenräume.

Benedict Neuenfels übersetzt die Emotionen, Ängste, Zustände der Figuren in Bilder, die mehr zeigen als nur das Abbild einer Wirklichkeit.

Eigentlich ist seine Kamera ein unsichtbarer Schauspieler, durch dessen Auge wir sehen. Seine Bilder sind bewegt, weil sie unsere Wahrnehmung bewegen, weil sie die Perspektiven, wie wir die Welt sehen, verrücken, drehen. Somit ist sie im Sinne von Novalis 'romantisch', denn sie gibt dem Bekannten das Gesicht des Unbekannten und dem Alltäglichen den Zauber des bislang noch nicht Entdeckten.

Dieser Kameramann verbindet Eleganz mit Präzision, Sensibilität mit Härte, Kunst mit Realität, Dichte mit Kontur, Vielfältigkeit mit Kontinuität.

Seine Handschrift ist der besondere Blick.

Seine Haltung ist mehr als Technik, sie prägt Filme und unsere Wahrnehmung von Schauspielkunst.

Dafür gebührt ihm dieser Preis.