Begründung / Laudatio MFG-Star

von Dorothee Schön

Guten Abend, liebe Freunde des gepflegten 90Minüters,

ich darf also heute Abend den MFG-Star für den besten Debütfilm vergeben. Das ist eine große Ehre für mich, aber gleichzeitig eine große Qual. Denn ich kann Ihnen versichern: Alle vier Nominierten hätten den Preis verdient. Ihre Arbeiten sind großartig; berührend, originell und handwerklich perfekt. Und, es hat mir furchtbares Kopfzerbrechen bereitet, einen von ihnen auswählen zu müssen. Am liebsten würde ich sie zu viert auf eine Gruppenreise in die Villa Aurora schicken. Aber man hat mir versichert, dass das nicht geht.

Aber bevor ich meine Entscheidung verkünde, muss ich Sie alle noch etwas auf die Folter spannen.

Auch wenn als Preis ein Stipendium in der Villa Aurora in L.A. winkt, so denke ich doch, dass auch die Laudatio hier vor der versammelten Fernsehspielgemeinde eine wichtige Würdigung für die Nominierten ist. Daher will ich auf alle vier Filme eingehen, auch wenn das bedeutet, dass ich keinen umfangreich würdigen kann. Aber wie gesagt: Verdient hätten sie alle vier diesen Preis. Ich gehe dabei alphabetisch vor, um die Spannung noch ein bisschen zu erhöhen. Die Reihenfolge stellt also keine Wertung dar.

 

Back for Good von Mia Spengler

Selten so eine erfrischende Hauptfigur gesehen, wie Angie in diesem Film. Dieser Klon aus Gina-Lisa Lohfink und der unpolitischen kleinen Schwester von Erin Brockovich stöckelt unfreiwillig ins provinzielle Leben von neurotischer Mutter und epileptischer Schwester. Zwischen Line Dance- und Tupper-Tristesse in einer Mehrzweckturnhalle, Sexy-Waxing-Studio und altem Kinderzimmer, entfaltet sich das Drama einer C-Prominenten, die um jeden Preis zurück ins Rampenlicht des abgekarteten Reality-TV will. Koste es, was es wolle. Es wäre leicht im Film, Angies Lebensziel zu verspotten, aber auch wenn uns Mia Spengler die Abgründe dieser Branche mit ihrer kollektiven ADHS-Störung nicht erspart, so gibt sie ihrer Heldin doch eines zurück, was diese selbst zwischendurch leichtfertig aufgibt: Ihre Würde. Hinter der glitzernd-schrillen Oberfläche des Films verbirgt sich eine fast zärtliche Botschaft.

 

Die beste aller Welten von Adrian Goiginger

Die beste aller Welten stellt man sich wahrlich nicht als die abgeranzte Salzburger Sozialwohnung vor, in der der siebenjährige Adrian mit seiner heroinsüchtigen Mutter Helga und ihren niemals nüchternen Junkie-Freunden lebt, vor. Doch mit dem Blick eines Kindes, das diesen schwierigen Alltag Dank der Liebe seiner Mutter als ein großes Abenteuer begreift, versteht man, wie Resilienz entstehen kann. Die kindliche Traumwelt Adrians erleben wir nicht als Eskapismus, sondern als Bewältigungsstrategie, um den realen Dämonen der Drogenszene begegnen zu können. Ist das nicht die Essenz filmischen Erzählens schlechthin? Ohne dass „die beste aller Welten“ jemals rührselig oder sentimental wird, entwickelt man für Adrian und seine Mutter nicht nur Verständnis (trotz ihres österreichischen Dialekts), sondern auch Gefühle. Ich jedenfalls habe gelacht und geweint. Eine große Liebesgeschichte…

 

Jetzt. Nicht. von Julia Keller

Er ist kein Sympathieträger, der sprücheklopfende Anzugträger Walter, der es mit seinen banalen Marketingplatitüden zu einer schicken Villa, einer kultivierten Frau und sonstigen Statussymbolen im Karrierewettstreit gebracht hat. Seine betriebsbedingte Kündigung wirft diesen Performer des Kapitalismus dann so nachhaltig aus der Bahn, dass wir uns und ihm schon fast wünschen, er könnte zurück in sein altes Hamsterrad. Aber nur fast… Eigentlich ist er uns als Tramper und Hochstapler oder besoffen im Boxer-Fatsuit wesentlich lieber. Julia Keller findet für Walters Welt eindrückliche Bilder von kalter Pracht und entlarvender Präzision. Ihr gelingt nicht nur das fein beobachtete Psychogramm eines an sich selbst Gescheiterten, sondern lässt uns auch in eine gesellschaftliche Leere blicken, die uns beunruhigt und frösteln lässt. Ihr Film atmet und schärft in ruhiger Genauigkeit unseren Blick auf die Sinnkrise eines Workaholics.

 

Teheran Tabu von Ali Soozandeh

Ein feines Netz von Begegnungen und Beziehungen spinnt Ali Soozandeh zwischen seinen Protagonisten, die alle im autoritären Gottesstaat Iran ums tägliche Überleben kämpfen. Jede Figur hat zwei Gesichter, ein „offizielles“ und ein „intimes“, und wenn sie beim Fotografen sitzen und einen Hintergrund wählen dürfen, müssen sie sich für eines entscheiden. Die animierte Ästhetik, die Ali Soozandeh für seine multiperspektivische Geschichte wählt, ist keineswegs nur aus der Not geboren, nicht in Teheran drehen zu können. Die gezeichnete Realität ermöglicht es, ohne Voyeurismus die heftigen Szenen sexueller Demütigung und Ausbeutung zu ertragen und schützt seine realen Darsteller. So absurd es klingt: Dieser Animationsfilm ist ein Dokumentarfilm aus einem Land, in dem man keine Dokumentarfilme drehen kann. „Teheran Tabu“ ist mutiger und ein wichtiger Film, der die verlogene Seite des religiösen Fanatismus zeigt, ohne den Charme und den Einfallsreichtum seiner Überlebenskünstler dabei zu unterschlagen.

Und ich darf hinzufügen – und damit meine Entscheidung bekanntgeben: Ich freue mich ganz besonders, einen Deutsch-Iraner in Trumps Amerika schicken zu dürfen.

Lieber Ali Soozandeh, willkommen in der Villa Aurora!

Dorothee Schön / Jurorin für den MFG-Star 2017
am 1. Dezember 2017