Jurybegründung

Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste 2016
geht an den eingereichten Teil 1 der NSU-Trilogie
"Mitten in Deutschland: Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" (SWR/ARD Degeto/MDR)

Er wird an die Produzenten Gabriela Sperl, Max Wiedemann, Quirin Berg und Sophie von Uslar sowie den Autor Thomas Wendrich und den Regisseur Christian Schwochow vergeben.

Vergangenheitsbewältigung hat im deutschen Fernsehen seit Jahrzehnten seinen etablierten Platz. Deutlich schwerer tun sich Sender, Produzenten, Autoren und Regisseure, wenn es darum geht, sich mit den finstersten Kapiteln der deutschen Gegenwart auseinanderzusetzen. In herausragender Weise gelingt dies der ARD-Spielfilmtrilogie „Mitten in Deutschland: NSU“, die die Morde des NSU aus drei Perspektiven – der Täter, der Opfer und der Ermittler – erzählt.

Der beim diesjährigen Wettbewerb eingereichte erste Teil der Trilogie „Die Täter – heute ist nicht alle Tage“ erzählt die Geschichte der Radikalisierung von Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von aggressiven Teenagern der Wende- und Nachwendezeit in Jena-Winzerla hin zum neonazistischen Terror-Trio, das die erschütterndste Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte begehen wird.

Der Film erzählt diese Geschichte mit größter Genauigkeit, in teils nüchtern-sachlichen, teils dionysischen Bilden, die den fatalen Sog des Rechtsradikalismus spürbar machen. Dank des präzise recherchierten und klug kondensierten Buchs, der konsequenten Regie und der gespenstischen Intensität der Hauptdarsteller entstehen schockierend lebendige Charakterstudien der handelnden Personen. Souverän entgeht der Film den Gefahren, die bei der Auseinandersetzung mit derartigen Stoffen allgegenwärtig sind: Weder entlastet er die Täter nach dem sozialpsychologischen Motto „Sie sind so geworden, weil sie in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen sind“ – die Täter in diesem Film sind zu jedem Zeitpunkt Täter, die sich auch anders hätten entscheiden können. Noch entlastet er den Zuschauer, indem er ihm didaktisch-kommentierende Handreichungen bietet. Er setzt uns der Wucht dieser unerträglichen Geschichte ungeschützt aus und konfrontiert uns aufs Schmerzlichste, Brutalste mit den Kratern, die der Radikalismus in unsere Gesellschaft reißt – und vor denen wir lieber die Augen verschließen würden, weil bislang keiner von uns weiß, wie sie zu überwinden sind.

Für den hohen gesellschaftspolitischen Einsatz, der bei diesem Projekt gewagt und durch den Film in künstlerisch höchst überzeugender Weise eingelöst wurde, zeichnet die Jury die Produzenten Gabriela Sperl, Max Wiedemann, Quirin Berg und Sophie von Uslar sowie den Autor Thomas Wendrich und den Regisseur Christian Schwochow aus.

Die Jury des FernsehfilmFestivals Baden-Baden 2016:
Bettina Reitz (Juryvorsitzende), Frank Baumbauer, Bettina Böttinger, Thea Dorn und Dimitrij Schaad.