Begründung Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste 2020

Melli ist eine Frau, die um jeden Preis die Kontrolle behalten will. Daher funktioniert kaum eines der Hilfsangebote, die sie selbst aktiv sucht und die doch selten bei ihr ankommen. Melli hat ihre Wohnung verloren. Sie schläft mit dem achtjährigen Ben im Wald, nahe der S-Bahn. Am Morgen verlässt sie den Wald wie aus dem Ei gepellt, mit Rollkoffer, im blauem Lufthansarock und knitterfreier weißer Bluse. Das ist Mellis Uniform, ihr inszenatorisch überhöhter Panzer. Im Job, als Jahrgangsbeste des Stewardessenkurses, will Melli unbedingt wie eine Eins funktionieren.

Rückblende 1947. UND ÜBER UNS DER HIMMEL Ein Heimkehrerdrama nach dem Krieg. Wohnungsnot. Entfremdung von Männern und Frauen. Zusammenrücken. Etwas beginnt.

Bestandsaufnahme 2020. STERNE ÜBER UNS (ZDF/ARTE). Ein Drama um das Selbstbestimmungsrecht einer Frau. Wohnungsnot. Weder Freunde noch der Staat bieten entscheidende Hilfen. Etwas stockt.

Melli, grandios gespielt von Franziska Hartmann, darf man durchaus einen Tunnelblick attestieren. Mal ist sie zu stolz, mal zu scheu, mal sieht sie die Chance nicht, die sich bietet, dann geht das Mama-Gen mit ihr durch. Länger als nötig will sie den schulpflichtigen Ben nirgends parken. Gibt es begründete Absagen, wird Melli sauer; kommt ein Strohhalm vorbei, ist er ihr zu dünn. Gäbe es die pragmatische Lösung, wäre ja auch der Film zu Ende. Als es dann zur Pflegefamilie auf Zeit kommt, büxt Ben schnell wieder aus. Am Ende stehen Melli und ihr Sohn wieder am Anfang.

Doch wir haben etwas verstanden. Es gibt weder eindeutige Schuld an noch einfache Lösungen für Mellis Probleme. Daran hat der Film so wenig Interesse wie an psychologischen Erklärungen. Wir sind nie Melli. Wir spiegeln uns in den Instanzen, die mit dieser unglücklich starken Frau umgehen.

Christina Ebelt, Regisseurin und Co-Autorin (mit Franziska Krentzien), erzählt dieses Stationendrama äußerst ökonomisch und genau. Ihr bevorzugtes Stilmittel ist die Ellipse, die alles weglässt, was nicht unbedingt erklärt werden muss. Das gilt für die Story, die weniger an Ursachen als an Handlungsoptionen interessiert ist (Was ist eigentlich mit Bens Vater? Müssen wir nicht wissen. Er bedeutet keine Chance mehr.), und ebenso für den filmischen Blick. Gespräche werden kaum je in Schuss und Gegenschuss aufgelöst; die Kamera interessiert sich stattdessen für die mimische Reaktion, die Gesprochenes beim Anderen auslöst. Dennoch ist kein Krisenkunstkino entstanden, sondern ein flüssiger Fernsehfilm über eine im Deutschland des Jahres 2020 offenbar mögliche Situation. Und das, lassen die strahlenden Sterne dieses Film erkennen, ist das eigentliche Drama.

Die Jury 2020
Christiane von Wahlert (Juryvorsitzende), Gesine Cukrowski, Liane Jessen, Thomas Meder und Jenni Zylka.

Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste 2020:
Begründung, Filmausschnitte und Dank