Begründung Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste 2021

Ein Film wie aus einem Guss. Inszenierung, Bildsprache, Schnitt, Einsatz von Stilmitteln, schauspielerische Leistungen - hier stimmt alles. Das wirkungsvolle und packende Verhör-Kammerspiel in Echtzeitkonstruktion von Autor Tobias Kniebe und Regisseur Dominik Graf zieht den Zuschauer von der ersten Sekunde an rein und entfaltet einen Sog. Obwohl es viele Motive und Figuren gibt, verliert man nie den Fokus. Graf nutzt diverse filmische Mittel - von Schwenks über Zoom, Flashbacks bis Splitscreen, aber er ordnet diese immer der Erzählung unter. Jede noch so kleine Figur gibt Leben in diese chaotische Welt hinein, dabei ist die Wertschätzung und Würdigung der harten Arbeit der Polizei stets spürbar. Und wie der Regisseur Räume bespielt, dort Unordnung inszeniert, wie er ständig die Perspektiven wechselt und wie er die Rückblenden kunstvoll montiert, ist: große Filmkunst. Aus dem bis in die kleinsten Rollen stark besetzten Ensemble ragen zwei heraus: Wie Verena Altenberger sich durch die inneren und äußeren Konflikte der Bessie zwischen Psychospielchen des Serientäters im Verhörraum und Machtkampf hinter den Kulissen durchwühlt, ist beeindruckend. Und Thomas Schubert pendelt im nächtlichen Verhörmarathon als Jonas eindrucksvoll zwischen Verzweiflung und einer seiner hohen Intelligenz geschuldeten Überheblichkeit hin und her. Ach ja, und Michael Roll als alter Haudegen Murnauer hat man wohl auch noch nie so gut gesehen. Der „Polizeiruf 110 - Bis Mitternacht“ überzeugt durch das filmische Handwerk und beeindruckt durch seine enorme Emotionalität - ein außergewöhnliches, meisterhaftes Werk.

Die Jury 2021
Christiane von Wahlert (Juryvorsitzende), Volker Bergmeister, Sara Fazilat, Adrian Goiginger, Julia Grünewald