Jurybegründung FernsehfilmFestival Baden-Baden 2014

FERNSEHFILMPREIS DER DEUTSCHEN AKADEMIE DER DARSTELLENDEN KÜNSTE

Tatort: Im Schmerz geboren (HR)

von Florian Schwarz (Regie) und Michael Proehl (Buch)

Der „Tatort“ ist das letzte große „Lagerfeuer“ des deutschen Fernsehens. Sonntag, 20.15 Uhr, Versammlungszeit, imaginäre Verbrecherjagd und Landeskunde, Mentalitätsstudie, Traditionspflege, Ritual, Thrill, Spielwiese. Deutschland im Fadenkreuz. Dieser „Tatort“ mit dem Titel  „Im Schmerz geboren“ schafft vieles zugleich: Er ist spielwütig, er fordert heraus, er will seinen Spaß, aber auch blutigen Ernst, er ist Oper, Tanz, Scherz, Ironie, Bastard, Comic, Zitatmaschine und dann doch wieder – im Kern – eine tragische Geschichte von misslingender Freundschaft und Liebe. Das wahnwitzige Duell zwischen dem Kommissar (Ulrich Tukur) und seinem rachedurstigen Antagonisten (Ulrich Matthes) wird niemand vergessen. Und kaum auszulöschen ist auch das Bild seiner Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp), die ihr großes Geheimnis nur dem Grab und uns anvertraut, um Felix Murot vor der Tragödie zu retten. Was für eine phantastische Frauenfigur.

Dieser Film ist nicht nur - im letzten Bild - ein poetisches Memento mori für die vielen Toten dieses Sonntags, sondern er blickt auch zurück auf „Tatort“-Geschichte und all die anderen Gefallenen, mit denen sich all die Kommissare zu befassen hatten. Zwar ist dieser Film von Michael Proehl (Buch) und Florian Schwarz (Regie) ein Solitär, aber er lebt von und mit den anderen „Tatort“-Teams, denn er fordert das Publikum zum Vergleich heraus, er schärft den Blick für Differenzen, er schafft Gesprächspotenziale. Ja, herrlich aufregen kann man sich über diese Wundertüte, man kann sie enttäuscht beiseite legen oder begeistert öffnen, aber fast jeder wollte am nächsten Tag vom anderen wissen, wie und was er gefunden hatte. Wann schafft Fernsehen das noch?

So ist dieser „Tatort“ altmodisch und innovativ zugleich, er ist frech, aber auch hingebungsvoll archäologisch, er ist amüsant, eigenwillig und setzt große Bilder in die Welt, die auch im Fernsehen nicht klein aussehen, weil die cineastische Kamera von Philipp Sichler große Stilsicherheit und Entdeckungslust zeigt. Vorbildlich ist er deshalb und herausragend, weil er sich dem rasch verwertbaren Vorbild für die Alltagspraxis des Fernsehens entzieht. Das ist der Impuls dieses Films: Sucht eure eigenen Abenteuer, verteidigt sie, versucht etwas zu erzählen, das die gewohnten Ordnungen in Frage stellt. Lauheit und erstarrte Formelsprache leistet euch bitte nicht und nehmt lieber das Risiko in Kauf, auch einmal ausgebuht zu werden. Wenn ihr das versucht, kann manches gelingen.

+++ ACHTUNG: Anmeldung für die Zukunftswerkstatt: FILM VS. HIGHEND-SERIE mit Dennis Gansel, ARRI Media und Anca M. Lazarescu noch möglich +++