Laudatio von Liane Jessen für

Claudia Tronnier

Liebe Claudia,
liebes Publikum,
das nun gespannt auf eine Laudatio wartet, die nicht langweilig und staatstragend sein sollte, sondern empathisch und kenntnisreich. Und genau da wird es schon schwierig. Wer kennt schon jemanden anderen? Und das in einer Branche, die vom Schein lebt und ihn erfunden hat.

Laudatoren sind auf geheimnisvolle Weise mit den zu Laudatierenden verbunden – sie, also ich in diesem Fall, wissen scheinbar mehr, was sie berechtigt, eine Lobrede zu halten.

Das Gegenteil ist der Fall. Liebe Claudia, ich weiß zu wenig von dir. Ich kenne zwar biografische Daten, bei Google nachzulesen, ich kenne großartige Filme, deren Aufzählung beeindruckend ist, aber ich weiß nichts wirklich von deinem inneren Antrieb, deinen Leidenschaften und darf mir das auch nicht anmaßen. Davon kannst du ja nachher vielleicht in deiner Rede erzählen.

Was ich aber weiß, ist, dass die Oberfläche meist auf die Tiefe verweist. Und deine Oberfläche ist beeindruckend. Ich sehe einen Menschen, der seit 10 Jahren eine Redaktion leitet, die eine Legende war, als du sie 2008 übernommen hast. Wie kann man sich in einer Legende behaupten und darin etwas Neues, Eigenes schaffen? Ich sehe da für mich Sichtbares in den Filmen, die mit dir eng verbunden sind:

  • Ein Herz für die Dritte Welt, die Armen und Entrechteten,
  • Offenheit für Lebensläufe, die nicht glatt verlaufen,
  • Leidenschaft für freies Denken,
  • Aktiv werden, wo es nötig ist,
  • Förderung von Frauen in der Branche, lange bevor die Quotendiskussionen begannen,
  • bei Zuschauererfolgen sich nicht ausruhen und das Schema weiter bedienen.

Montag Abend im Spätprogramm des ZDFs bekommt das normale Fernsehen ein kräftiges Gegenüber. Ein sinnliches, politisches Gegenüber, eine Art Seitensprung, was bestehende Verhältnisse neu beleuchtet. Der Morgen danach ist auch anders. Natürlich wird gemessen, interessiert die Quote, aber die Qualität der Nacht bleibt doch der eigentliche Maßstab. Wie im wirklichen Leben.

Es gibt einen Ausspruch von Hans Abich, der so lautet:

„Der Respekt vor dem Zuschauer gebietet es, die Latte ab und zu höher zu legen“ – dieser unvergessliche Fernsehenthusiast, das Wort „Macher“ verbietet sich in diesem Zusammenhang, dessen Preis wir heute Abend verleihen dürfen, hatte recht.

Fernsehen ist in erster Linie Kommunikation. Mit dem Zuschauer. Unser Vertrauen in ihn, was wir ihm zutrauen können und dürfen. Und vielleicht auch müssen.

Claudia Tronnier leitet das Kleine Fernsehspiel des ZDFs – eine Gruppe von einmaligen, besonderen Redakteurinnen und Redakteuren in Deutschland – und sie ist die Richtige dafür. Ihr tiefes Wissen um die Verhältnisse in nicht-privilegierten Welten, dass wir hier unser behütetes Leben als Ausnahme und nicht als Regel betrachten müssen, ihr besonnenes und hartnäckiges Naturell, das Wissen um die Lächerlichkeit roter Teppiche und letztendlich ihr modernes Management einer Ausnahmetruppe von Redakteurinnen und Redakteuren – selten gewordene Verhaltensweisen.

Natürlich ist Fernsehen nicht allein das hehre, gute Kulturgut, sondern tatsächlich eine Ware von höchst unterschiedlicher Qualität. Merkwürdigerweise werden sich die meisten Einzelprogramme immer ähnlicher – der Mainstream mahlt die Kanten ab. Der unbedingte Wille zum Mittelmaß – überall in unserer Gesellschaft spürbar – verrät die Angst vor Stellungnahmen, die Angst, Regeln zu hinterfragen.

Ich stelle für mich fest, dass die Sorge, die ich am Anfang der Laudatio hatte, den Menschen Claudia Tronnier nicht zu erfassen, sich verflüchtigt hat. Jenseits der üblichen Aufzählung biografischer Daten, großer Programmerfolge, der Wertschätzung von berühmten Kreativen, ist der Hans Abich Preis ein Preis für Haltung.

Wir alle, die wir heute Abend in diesem Saal sitzen, denken, wir seien jemand. Wir sind es aber nur dann in Respekt, Verpflichtung und Moral in der großen öffentlichen Aufgabe, der wir alle dienen.

Sorry, das musste jetzt sein. Pathos wird sowieso unterschätzt.

Liebe Claudia, es ist eine Ehre für den Preis, dass du seine heutige Preisträgerin bist. Für deine Haltung.

Liane Jessen / 30. November 2018