Laudatio für Liane Jessen

anlässlich des Hans Abich Preises 2014
von Hendrik Handloegten

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Liane.

Es ist mir eine Ehre, und zwar wirklich eine Ehre, ein paar lobende und preisende Worte über die diesjährige Preisträgerin des Hans-Abich-Preises anmerken zu dürfen.

Mein erster Film für den Hessischen Rundfunk war im Jahr 2006 “Ein spätes Mädchen”. Das Projekt war zuvor von diversen Kinoproduzenten als “zu schräg” zu “melancholisch”, zu “abgründig” abgelehnt worden. Und ausgerechnet dieser Stoff sollte nun fürs Fernsehen, auch noch für die Primetime der ARD produziert werden? Meine Vorbehalte waren gross, ich befürchtete von der Redaktion ein freundlich vorgetragenes Weichspülprogramm zur Maximierung der Massentauglichkeit.

Bei unserem ersten Treffen, das ungefähr 5 Minuten dauerte, erklärte mir Liane Jessen die Spielregeln: “Ja, mein Lieber, also: Erstens: Wir produzieren hier selbst, daß heißt, das Geld fließt nur in Deinen Film. Deswegen können und müssen wir hier was ausprobieren. Zweitens: Nur im Wagnis, nur in der Suche liegt die Möglichkeit, etwas von bleibendem Wert zu schaffen. Drittens: Dein Buch ist schon ganz schön, aber noch nicht schräg, nicht melancholisch, nicht abgründig genug.”

Dass es mitten im System der ARD eine Insel der Glückseligkeit gab, wo man als Künstler willkommen war, und sogar auch noch aufgefordert wurde, weiter zu gehen, wollte mir anfänglich keiner in der Branche glauben. Und weil der HR eben selber produziert, dauerte es auch eine Weile, bis es sich herumsprach. Jahrelang waren “die Hessen” ein Haufen armer Irrer, der einem sentimentalen Kunstanspruch längst vergangener Zeiten nachhing und der nicht begriffen hatte, was einzig zählte: Nämlich die Quote.

Über die Jahre jedoch hat sich das Fernsehen verändert. Und plötzlich steht Liane Jessen, unterstützt von ihrer Redaktion, allen voran Jörg Himstedt, und flankiert von der Direktion und Intendanz des Hessischen Rundfunks, von Manfred Krupp und Dr. Helmut Reitze, schon lange da, wo alle hinwollen: Zum quotenmässig erfolgreichen Programm, das den Zuschauer ernst nimmt, ihn herausfordert und gerade deswegen an sich bindet. Es ist eben nicht richtig, dass Wagnisse vom Zuschauer abgelehnt werden – ein Blick auf die Zahlen des letzten Tukur-Tatorts beweisen es.

Jetzt also bemerkt die Branche langsam, welch herausragende und ungemütliche Arbeit Liane Jessen seit Jahrzehnten leistet. Ihre Unnachgiebigkeit wird doch noch belohnt. In der letzten Zeit hat sie mit ihrer Redaktion viele Fernsehpreise bekommen, vor kurzem sogar – zum Ärger einiger –auch den Bernd-Burgemeister-Preis. Eine Auszeichnung, die bisher ungerechterweise noch fehlte, kommt heute Abend dazu.

Also, Liane, auf der einen Seite stehen die Filme. Und davon wünsche ich mir in den nächsten Jahren natürlich weiterhin mehr, und wenn ich den Gerüchten glauben schenken darf, dann bleibst Du Deinen Grundsätzen auch weiterhin treu. Man munkelt nämlich, der übernächste Tatort spiele im Jahr 1923 und sei komplett in Schwarz-Weiss. Der Autor jedoch, sei Deiner Anregung, auf den Ton gänzlich zu verzichten, aufgrund angepasster Hasenfüssigkeit nicht nachgekommen. Die Filme all Deiner Regisseure, Autoren und Schauspieler sind also die eine Sache.

Aber das, was ich mir auch wünsche von Dir, liebe Liane, ist ein Buch. Dein Buch. Unverfilmbar. Eines, das all Deine persönlichen Geschichten vereint. Eines, das den Leser überfordert, provoziert und beschenkt. In dem alles steht, was Du zum Thema Film zu sagen hast, aber das auch alltägliche Beobachtungen enthält. Im Plauderton gemacht, bei einer Zigarette auf dem legendären Plattenhof, bei einem Bier in der berüchtigten Pinte des HR. Über die Leute an der Supermarktkasse oder das Grauen, das in den Kellern von Reihenhaussiedlungen schlummert. Ich will theoretische Filmdiskurse lesen – aber auch Anekdoten, kurzweilige Enthüllungen über die Film- und Fernsehbranche. Ich will etwas erfahren von Deinen linksradikalen Anfängen in Freiburg, von Hausbesetzung, von Pepe und Didi Danquart, von der Gründung des kommunalen Kinos, der Erfindung des Dreisam-Verlags. Ich will etwas hören von den 20 fragwürdigen Drehbüchern, die Dir Anfang der 90er Jahre ein gewisser Tom Tykwer geschickt hat, und warum das 21., “Die tödliche Maria” betitelt, dann den Knoten hat platzen lassen. Ein Konvolut also, aus Biographie, freigeistigem Manifest und Gedankensplittern, aus Notizen, Abhandlungen und Interviews. Etwas, das – nur von Dir – bleibt. Und ich denke, ich wäre nicht der einzige Leser.

Schliessen möchte ich mit meinem Lieblingszitat aus einem Interview mit Liane Jessen. Nachdem sie ihre Haltung zum Thema Quote und Herausforderung des Zuschauers einmal mehr auf den Punkt brachte, fragte der verdutzte Interviewer etwas hilflos: „Aber Frau Jessen, stehen Sie mit ihrer Position nicht etwas alleine da in der ARD?“. Darauf antwortete Liane mit folgendem Satz: „Ja, aber das macht nichts.“

Meine Damen und Herren, feiern Sie mit mir eine wirklich unabhängige und weiterhin neugierige Größe unserer Branche:
Liane Jessen!

Bade-Baden, 21.11.2014