Begründung Studierendenjury 2018 am 30. November 2018

Was wir noch sagen möchten, bevor wir unseren Preis vergeben, ist, dass wir uns eine Entwicklung wünschen, in der der Mut der Verantwortlichen nicht herausgestellt werden muss, weil jeder Film ohnehin etwas wagen sollte. Wenn diverser und unkonventioneller erzählt wird und nicht mehr nur die üblichen Gesichter bei der Besetzung ausgewählt werden, kommen wir diesem Ziel näher. Dazu gehört auch, dass mehr visuelle Impulse in der Erzählform gesetzt und eine freiere Programmierung gewagt werden müssen, um ein diverses Publikum zu erreichen. Ein Film sollte nicht krampfhaft 90 Minuten lang sein, wenn er vielleicht auch mit weniger Raum erzählt werden kann.

Deshalb vergeben wir heute keinen Preis für den besten Film, sondern für uns hat sich aus den Filmen des Wettbewerbs ein Werk herausgestellt, dessen starkes Drehbuch uns mit seiner genauen und feinfühligen Figurengestaltung berührt und beeindruckt hat.


Liebe Filmemacherinnen und Filmemacher, sehr verehrtes Publikum, geschätzte Akademie und liebe Jury,

wir haben in den letzten Tagen eine spannende Bandbreite an Filmen, Themen und Gestaltungsweisen gesehen und bedanken uns zunächst für diese Eindrücke – sowie für die Verantwortung, die uns mit der Verleihung eines eigenen Preises übertragen wird.

Aus den Filmen des Wettbewerbs hat sich für uns ein Werk und im Speziellen dessen starkes Drehbuch herauskristallisiert, das uns mit seiner genauen, feinfühligen Figurengestaltung berührt und beeindruckt hat.

Figuren modellieren das Drehbuch, das immer wieder umgeschrieben, angepasst und abgewandelt wird, aber immer seine Macher widerspiegelt – den Blick, mit dem der Autor oder die Autorin die Figuren betrachtet. Ob er nun liebend, verurteilend oder distanzierend ist, er bildet die „Psyche“ des Films. In dem Drehbuch, das wir auszeichnen, ist uns ein besonders liebevoller Blick auf ein ganzes Ensemble nahegebracht worden.

Eine österreichische Patchwork-Familie besucht die Matriarchin an ihrem 80. Geburtstag, wobei ihr Sohn es nicht übers Herz bringt, ihr die längst überfällige Wahrheit über die Trennung von seiner Frau und das Zusammenfinden mit jeweils neuen Partnern beizubringen. Woraufhin sich die Familienmitglieder – dem schönen Schein zuliebe – in ein absurdes, aber erstaunlich solides Geflecht aus Lügen verstricken. Dabei hat jede Figur individuell darunter zu leiden oder profitiert davon. Plötzlich sind die längst getrennten Eltern wieder ein Paar und die 6-jährige Tochter schöpft Hoffnung, was zu einer der stärksten Szenen des Films überleitet: Der Vater beschreibt ihr in einem zarten Augenblick, wie sich ihre Beziehung in Zukunft wandeln und dass sie ihn dann nicht mehr so brauchen wird, wie sie es gerade tut.

Wir wohnen fein pointiertem „Krieg im Kleinen“ bei, wenn die zahlreichen Familienmitglieder mit ihren Egos und Wünschen aufeinanderprallen, erfreuen uns an der präzisen Beobachtung ihrer Neurosen und geistreichen verbalen Auseinandersetzungen, die uns zum Lachen bringen. Wir erkennen uns in der neuen Freundin des Sohns wieder, die ausgeschlossen wird, als ihr Partner sie der Mutter gegenüber verleugnet.

Lebensnah wird eine farbenfrohe Riege von Charakteren gezeichnet, die bis in Details durchdacht und so geschickt zueinander aufgestellt sind, dass ihre Geschichten völlig organisch – dabei mit Kraft wie auch Leichtigkeit – aus ihnen selbst heraus entspringen, anstatt, dass sie dem Plot dienen müssten, um ihn voran zu treiben.

Das Drehbuch spielt augenscheinlich mit einigen Klischees, bricht sie aber letztlich alle; verleiht jeder Figur Ernsthaftigkeit und Fundament. Der Pflegerin, die vermeintlich als Osteuropa-Niedriglohn-Schenkelklopfer anmutet, gehört gegen Ende des Films ein besonders feinfühliger Moment mit ihrem Schützling; eine erst sehr lebendige und dann sehr tote Katze fungiert keinesfalls nur als witziger Klamauk, sondern wird zum essentiellen emotionalen Katalysator für einige der Hauptfiguren.

Wir sehen einer Patchwork-Familie zu, die aus Fleisch und Blut, Herz und Hirn gemacht ist und von einer Autorin kreiert wurde, die es versteht, sich in jedes Mitglied ihres Figurenensembles differenziert hinein zu versetzen, was insofern bemerkenswert ist, als es sich um ihr Debüt-Drehbuch handelt. Das wollen wir besonders würdigen und vergeben deshalb unseren Preis an Pia Hierzegger für das beste Drehbuch zu Die Notlüge.

Für die Zukunft des Fernsehens wünschen wir uns weiterhin so kraftvolle Drehbücher und Filme, die dem Appell der Figur der Großmutter folgen: „Wen man schont, den nimmt man nicht ernst!“

Die Studierendenjury 2018

Studierende der Filmakademie Baden-Württemberg (Milena Aboyan, Maximilian Becht, Yaël Brunnert, Julia Deumling, Karl Heidelbach), der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf (Niklas Burghardt, Cléo Laetitia Campe, Florian von der Heydt, Viktoria Janssen, Lisa Marie Wischer), und der Hochschule für Fernsehen und Film München (Aaron Arens, Jonas Bock, Maximilian Bungarten, Anne M. Hilliges).