Begründung Jury der Studierenden 2019

am 29. November 2019

 Wir, die diesjährige Studierendenjury, haben in den letzten Tagen ebenso wie die Hauptjury zwölf Fernsehfilme schauen und unserem Urteil unterziehen dürfen. Wir bedanken uns bei der Festivalleitung, dass wir die Möglichkeit haben, aus mehreren Filmschulen zusammenzukommen um unserer Meinung Ausdruck zu verleihen.

Vorweg sei gesagt: Wir haben gravierende Unterschiede in der Qualität der Produktionen ausgemacht. Wenn man bedenkt, dass wir uns auf einem Fernsehfilmfestival mit der Speerspitze einer Industrie, den Vorzeigeproduktionen eines ganzen Fernsehjahres beschäftigen, so können wir getrost festhalten: Die Qualität einiger Filme bleibt weit unter dem zurück, was man als kritischer Zuschauer erwarten darf.

Eine Tendenz, die sich durch zahlreiche Wettbewerbsfilme gezogen hat, möchten wir bei dieser Gelegenheit gesondert ansprechen: Eine Verengung aufs bürgerliche Milieu, wenn es um die Figurenkonstellationen geht und ein „Von-Oben-Herab-Schauen“, wenn es um die Schilderung anderer Bevölkerungsschichten geht. Dies zeugt von einer Einstellung, die wir uns als Kunstschaffende und auch als Gesellschaft nicht leisten dürfen.

In Teilen hat diese Einstellung leider auch die hier geführten Debatten erreicht: So mussten sowohl wir als Studierendenjury als auch das jüngste Mitglied der Hauptjury die von uns vorgetragene Kritik wiederholt mit dem Argument beantwortet sehen, dass wir schlicht zu jung seien um zu verstehen, worum es gerade ginge.

Dieses Klima darf die deutsche Fernsehlandschaft nicht prägen, wenn sie eine Zukunft haben will.

Bevor wir zu unserem Preisträger kommen, möchten wir aus diesem Grunde eine lobende Erwähnung aussprechen für einen Film, der im Wettbewerb ein gern gesehenes Gegengewicht zur den gerade genannten Punkten darstellte.

Eine lobende Erwähnung – nicht unser Hauptpreis – gilt TATORT – FÜR IMMER UND DICH (SWR), der durch seine Selbstverständlichkeit besticht, wenn es um das Abbilden einer vielfältigen Gesellschaft geht. Es muss kein Junge sein, der Hauptfigur Emily an der Tankstelle Mofafahren beibringt. Und Emilys Schwester muss nicht dieselbe Hautfarbe haben wie sie. Die Tatsache, dass der Film dies nicht mit einer großen erzählerischen Geste zum Thema macht, sondern mit großer Sensibilität in seiner Welt erzählt, lässt überhaupt erst Raum für Normalität. Dafür danken wir dem Kreativteam von „Tatort - Für immer und dich“!

Zwar können wir an wenigen Fingern abzählen, welche Produktionen uns in den letzten Tagen positiv im Gedächtnis geblieben sind, doch möchten wir heute Abend einen herausragenden Film auszeichnen, der uns mehrheitlich überzeugt hat und in einigen Punkten hoffnungsvoll stimmt, wenn wir an das deutschsprachige Fernsehen von Morgen denken.

TATORT – MUROT UND DAS MURMELTIER (HR) schafft etwas, das öffentlich-rechtlichen Produktionen viel zu selten gelingt: Eine Seherfahrung zu schaffen, die mitreißt und unterhält, die Tiefgang ohne pädagogische Überdeutlichkeit liefert und generationenübergreifend Zielgruppen anspricht.

Besonders imponiert hat uns die bedingungslose inszenatorische Konsequenz, mit der hier ein High Concept umgesetzt wird – konkret, dass Ermittler Murot in einer endlosen Zeitschleife gefangen ist, die jedes Mal von vorne beginnt, wenn er ums Leben kommt. Diese Metapher für die Routine, die Wiederholungen des Lebens, hat Relevanz für alle Teile unserer Gesellschaft. Der Film stellt sich in eine Traditionslinie mit zahlreichen Mind Twist Movies der 90er – nicht nur durch das Murmeltier im Titel, sondern auch durch gelungene filmische Referenzen. Und das ist, zumindest in der Landschaft des deutschen Fernsehfilms, einzigartig und zeugt von Mut seitens des Senders, der Produzenten und der Redaktion.

Nach 1083 Ausgaben des Tatorts noch etwas Neues zu bieten, ist eine Herausforderung. Und doch könnte man sich nun denken: Zweimal Tatort? Und das von der jungen Jury der Studierenden? Wo bleibt denn nun die Zukunft? Wir haben die Filme des Festivals als genau das betrachtet: F i l m e, unabhängig von Reihen und Reputation. Und als dieser besteht „Murot und das Murmeltier“ wie kein anderer Wettbewerbsfilm.

Wir wünschen uns für die Zukunft, dass der Mut zum Experiment, das Vertrauen in eine künstlerische Vision auch andere Formate und Einzelstoffe erreicht, die nicht über die Marke „Tatort“ verfügen.

Und nun bitten wir den Gewinner des Preises der Studierendenjury 2019 auf die Bühne:

TATORT – MUROT UND DAS MURMELTIER (HR)

 

 

Die Jury der Studierenden 2019

Studierende der Filmakademie Baden-Württemberg (Junus Baker, 
Jan-Hendrik Holst), der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF (Roshak Ahmad, Paula Klosser, Malte Kutz, Julia Pallesche, Paula Ziemke), und der Hochschule für Fernsehen und Film München (Melissa Byrne, Max Scherer, Paul Feldmann, Mirjam Weisflog)