Rede zur Verleihung des Hans Abich Preises 2020

von Anke Greifeneder

Liebe Jury, liebes Publikum,

für mich, eine Lehrerstochter aus dem Schwarzwald, die ohne Fernsehen, dafür mit Klavier- und Schachspielen aufgewachsen ist und montags in die Schule ging, ohne am Wochenende „Wetten, dass...?“ gesehen zu haben, bedeutet dieser Preis nicht nur eine große Ehre, sondern er zeigt mir vor allem, dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen und Mut tatsächlich belohnt wird. 

In der Begründung der Jury werden mir Attribute wie Mut, Innovation und Kreativität zugeschrieben. Tatsächlich bedurfte es all dieser Eigenschaften als ich 2010 meinem Sender eine nicht vorgesehene und kostspielige Strategie vorschlug. Sie besagte, dass wir anfangen müssten, eigene Serien zu produzieren, um Impulse zu setzen und eigene Rechte halten zu können – in einem Markt, in dem es zunehmend schwieriger wurde, Inhalte zu akquirieren.

Weder zusätzliche Stellen noch ein ausuferndes Budget forderte ich und so kam es, dass mir die Erlaubnis erteilt wurde, damals noch ohne Team, die erste Pay-TV Serie namens "Add a Friend" mit Wiedemann & Berg produzieren zu dürfen. Sie gewann auf Anhieb einen Grimme-Preis, einen Bayerischen Fernsehpreis und einen Mira Award, was natürlich ein toller Erfolg und eine Bestätigung war, dass die Strategie aufging. Damals bewies unser Geschäftsführer Hannes Heyelmann mit seinem „Okay“ Weitsicht, dass sich das Investment auf vielerlei Weise langfristig auszahlen würde.

Ich zähle das deshalb so detailliert auf, weil ich der festen Überzeugung bin, dass dieser Erfolg, dass mein Erfolg, über die Jahre hinweg zu einem Großteil darauf zurückzuführen ist, dass ich in meiner Firma „machen“ durfte. Dass meine verschiedenen Chefs und Chefinnen in dieser Zeit alle eines gemeinsam hatten: Sie vertrauten, sie übten keinen unnötigen Druck aus und ich hatte immer das Gefühl, dass Versagen sein darf. Mit diesem Gefühl im Rücken lässt es sich freier und mutiger sein. Und mit genau diesem Gefühl kann man auch ganz anders an Produktionsfirmen und Kreative herantreten. Und das bedarf es, damit man sich nicht im vorauseilenden Gehorsam verbietet, Dinge auszudenken oder aus Angst lieber wieder auf Nummer sicher geht.

Was mir sehr wichtig ist: Ich mache hier nicht Werbung für einen Sender oder ein Unternehmen, sondern für eine Arbeitsweise!

Angst und Druck sind der Gegner Nummer eins von Kreativität und Innovation. Unter Druck schaffe ich es immer noch zwei plus zwei zu rechnen, aber frei zu denken nicht mehr so leicht. Aber genau das brauchen wir – diesen Raum, in dem erst einmal alles erlaubt ist, in dem sich jeder geschützt fühlt und in dem jede Stimme gleich zählt – die des Senders genauso wie die der Kreativen hinter und vor der Kamera – denn am Ende des Tages muss die beste Idee gewinnen und nicht automatisch der, der das Sagen hat oder dessen Eitelkeit hervorsticht. In unserer Arbeit mit Kreativen müssen wir natürlich eine Richtung vorgeben und auch passend zu unserer Strategie Projekte finden, wir verstehen uns aber immer als Gesamt-Team.

In der Zwischenzeit habe ich ein tolles Team an Mitarbeiter*innen. Wir sind in den einzelnen Prozessen deshalb so sehr involviert, weil wir damit sichergehen können, dass wir eine Sprache sprechen und dass wir zu 100 Prozent hinter den Projekten stehen können, ohne überrascht zu werden. Dass diese Zusammenarbeit auf respektvolle Weise geschehen muss, sollte eigentlich Usus sein, aber wie in jeder Beziehung gibt es auch bei Projekten Unwegsames oder Konflikte... Unser praktizierter Lieblingsleitspruch lautet hier:

„Be hard on the issue but soft on the person.“

Was eine Firma auch aushalten muss, sind Projekte, die nicht von Anfang an jeden begeistern – die Geschmäcker sind schließlich verschieden. Trotzdem durfte ich sie umsetzen und am Ende überzeugen. Natürlich, indem ich auch Verantwortung übernahm und dafür kämpfte. Aber das, was wir als schönes Wort „Empowerment“ aus dem Englischen kennen, nämlich jemandem auch die Chance zu geben, Verantwortung zu übernehmen und es sie oder ihn so durchziehen zu lassen wie es das Projekt verlangt, ist wahnsinnig wichtig. Ein Beispiel hierzu war „Arthurs Gesetz“. Einer meiner Chefs, Gerhard Zeiler, konnte mit der Anfangsidee überhaupt nichts anfangen. Trotzdem gab er mir die Freiheit und das Vertrauen, die Serie umzusetzen und hatte die Größe, das Endprodukt zu lieben und jedem zu erzählen, dass er sich geirrt hatte. Das nenne ich souverän!

Ähnlich wie Millionen Deutsche glauben, sie seien der eigentlich bessere Bundestrainer, so bekommt man zu Serienideen tonnenweise Ratschläge. Natürlich sind wir am Ende alle auch Zuschauer*innen und Konsument*innen und deshalb sind Rückmeldungen gerade in der Findungsphase wahnsinnig wichtig und erwünscht. Aber ab einem bestimmten Punkt hat ein Team für das Projekt eine gemeinsame kreative Vision entwickelt, sich auf die Gangart geeinigt und die gilt es dann zu schützen und den Weg konsequent zu gehen. Ab diesem Punkt muss man den Profis, die man sich für alle Gewerke ja aus einem bestimmten Grund geholt hat, auch vertrauen und sie ihren Job machen lassen. Garantien, dass es deshalb gut wird, gibt es nicht – die Chancen dafür stehen aber gut. Ich bin dankbar für ehrliches Feedback, spannende Anregungen, unbequeme Fragen im Unternehmen, wenn wir eine Idee vorstellen. Aber noch dankbarer bin ich, dass uns, wenn wir loslegen, vertraut wird, sie in entsprechender Qualität mit unseren Partner*innen durchzuführen.

Ich darf heute diesen Preis entgegennehmen, weil ich Teil eines Systems bin, das mir Verantwortung überträgt, die ich auch nutzen darf, eines Unternehmens, das mir vertraut, das bereit ist neue Wege mit mir zu gehen und in dem respektvoller Umgang und Mut zum Risiko gelebt werden.

Natürlich gibt es auch bei uns Konflikte und bestimmte Dinge sind leichter, wenn man Pay-TV macht und nicht Free-TV, wo man sich über Quoten und Werbung finanzieren muss. Aber ich würde mir wünschen, dass es bei jedem Sender einen Topf mit Geld gibt, der allein dafür da ist, etwas wagen und ausprobieren zu dürfen, um neben dem "Brot und Butter“-Geschäft die Innovation am Laufen zu halten, die wir dringend auch als Markt im internationalen Vergleich brauchen.

Selbstverständlich bedarf es jemanden, der gut in seinem Job ist, ein Programmgefühl und Gespür für Trends und Themen hat oder je nach Firma Algorithmen auswerten kann, aber meine Bitte wäre an alle Entscheider*innen in Sendern, Redaktionen und Produktionsfirmen:

Schenken Sie Vertrauen, machen Sie nicht unnötig Druck, seien Sie bereit neue Wege mitzugehen und nehmen Sie auch mal Scheitern und ein Experiment in Kauf. Sie werden überrascht sein, was dabei alles so entstehen kann…

Herzlichen Dank!

Hans Abich Preis: Laudation und Rede der Preisträgerin