Begründung

Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste 2017
für
ZWIESPALT (SRF)

Es ist keine Frage, dass wir in unruhigen Zeiten leben, dass viele Menschen um sicher Geglaubtes fürchten. Inwieweit dies Fernsehfilme widerspiegeln, war eine der Fragen, die die Jury beschäftigten.

In dem Fernsehfilm, den wir heute auszeichnen, stehen Personen im Zentrum, die Entscheidungen treffen, für die sie persönlich Verantwortung tragen. Drehbuchautorin Natascha Beller entwickelt zwei lebensnahe Charaktere, deren Lebenswirklichkeit der Film klug verknüpft und ungeschönt zeichnet. Regisseurin Barbara Kulcsar erzählt stilsicher und mit großem handwerklichem Können. Mit formaler Strenge, geradezu grafisch komponiert, folgt dieser Film den beiden Protagonisten, deren Lebenssicherheit bröckelt.

Der forensische Psychiater Roman Mettler muss sich eingestehen, dass er die Gefährlichkeit eines Verurteilten unterschätzt hat, was eine junge Frau mit dem Leben bezahlt. Die Medien stürzen sich auf ihn, der Vater der Ermordeten im wörtlichen Sinne. Er verliert seine nüchterne Ruhe und Zweifel nagen an ihm, ob er weiter im Rahmen der Rechtsordnung, für die er einstand, arbeiten kann.

Die Polizistin Linda Berger, die abgelehnte Flüchtlinge auf Abschiebungsflügen begleitet, zweifelt immer mehr, dass ihr Tun menschlich rechtens ist. Wie kann sie mit ihrem Gewissen vereinbaren, ausgewiesene Menschen einem ungewissen Schicksal auszuliefern? Eine Afrikanerin schluchzt um ihr Leben und verlässt das Flugzeug mit den Worten: Sie werden mich töten!

Spätestens jetzt spüre ich als Zuschauer, dass die aufgeworfenen Fragen auch mich persönlich angehen, dass es bei den akuten Problemen nicht um Zahlen und Paragraphen geht, sondern um Menschen.

Beide müssen erkennen, dass sie durch die Folgen ihres Tuns moralisch angreifbar werden. Die Polizistin versucht sich vor ihrer Tochter zu rechtfertigen, der Psychiater vor der Öffentlichkeit.

Flüchten oder standhalten?

Linda Berger, gespielt von Isabelle Barth, entscheidet sich dafür, diesen „Job“, bei dem es auch um Leben und Tod geht, weiter zu machen. Sie will die Schwere ihres Tuns aushalten, und die Flüchtlinge auf dem Weg zurück ins Ungewisse menschlich zugewandt begleiten.

Ob Roman Mettler (Martin Rapold) seinen Beruf weiter ausüben wird, bleibt fraglich. Er muss erkennen, dass die Geschehnisse ihn haben verhärten lassen.

Und so wird aus diesem Fernsehfilm um die Frage nach persönlicher Verantwortung und Schuld ein politischer Stoff, der zentrale Probleme und Konflikte unsrer Zeit aufwirft und uns mit keiner klaren Antwort entlassen kann.

Der Fernsehfilmpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste geht an „Zwiespalt“.

Die Jury des FernsehfilmFestivals Baden-Baden 2016:
Bettina Reitz (Juryvorsitzende), Bettina Böttinger, Thea Dorn, Burghart Klaußner, Christian Schwochow