Laudatio von Rainer Kaufmann für

An Dorthe Braker

Liebe An Dorthe,
es ist eine große Ehre diese Laudatio für Dich zu halten.
Vor vielen Menschen zu reden macht mir immer ein bisschen Angst. Aber es geht um dich und um die Ehrung deiner wunderbaren Arbeit. Deshalb will ich es auf jeden Fall versuchen.
Filme machen ist immer auch Geister heraufbeschwören. Es gibt beim jedem Film verschiedene magische Spannungsverhältnisse. Eines davon ist das zwischen Regie & Casting Direktrisse!
Im besten Fall ist es doch folgendermaßen: Wenn das Drehbuch geschrieben, gelesen, überarbeitet und verinnerlicht ist, wenn sich die Produktion langsam aufrichtet, wie ein Ungetüm von dem man noch nicht weiß, ob man mit ihm in den Krieg ziehen oder ein neues Paradies entdecken wird, spätestens dann stellt sich die entscheidende Frage nach der Verkörperung, nach dem Lebendigwerden der Figuren.

Und dann hat man vielleicht das Glück An Dorthe Braker zu begegnen und mit ihr arbeiten zu dürfen. Denn dann beginnt ihre Art der Beschwörung. Jeder Schauspieler und jede Schaupielerin werden dir präsentiert, wie Schmuck bei Tiffany.

Wer mit An Dorthe gearbeitet hat, weiß, wovon ich spreche. Sie macht es sich nie einfach mit dem Geister rufen. Auch Besetzungen die auf der Hand liegen, werden hinterfragt. Auf alles Rätselhafte wird es Antworten geben. Ideen werden aufwendig geboren und schweren Herzens wieder verworfen.

Sie führt einen zu Schauspielern, die sich in einer Rolle versteckt haben. Sie enthüllt sie vor deinen Augen wie seltene Früchte. Man erkennt durch An Dorthe Facetten im Spiel, die man alleine nicht entdeckt hätte.

Sie versucht immer den Menschen hinter dem Schauspieler zu erkennen und anzunehmen. Vorsichtig führt sie den Regisseur zu einem eigenen Gespür für den, der möglicherweise den ersehnten Charakter gestaltet.

Ein Casting mit An Dorthe war für mich bisher immer wie ein Dinner mit neuen oftmals unbekannten Gerichten und Geschmäckern. Aufregend, anregend. Danach war ich erschöpft und beglückt.

Durch den Blick den An Dorthe auf das Spiel der Mimen wirft, habe ich wichtiges über meinen Beruf und über den des Schauspielers begriffen.

So wie sie über Projekte spricht:
Neugierig im Ausprobieren.
Respektvoll im Umgang.
Demütig vor der Arbeit.
Mutig in den Entscheidungen.

Sie erreicht das alles, weil sie sich selbst eine Sensibilität bewahrt hat, die frei ist von Zynismus.

An Dorthe, deine nüchterne norddeutsche Art hilft mir dabei, nicht zu sentimental zu werden. Du hast mich dazu angehalten, immer wieder zu überprüfen, was ich will und warum. Dein Respekt für Film hat mich bestärkt in meinen Gedanken und Handlungen. Mit deiner Arbeit machst du noch mehr Lust auf das Filmemachen – auf die Expedition, an der man schon teilnimmt, wenn man bei dir sitzt.

An Dorthe!

Eigentlich sehe ich dich umgeben von Assistenten und Assistentinnen, die dir zuarbeiten. Ein wenig so, wie ich mir das Orakel von Delphi vorstelle. Die Wirklichkeit deines Berufes sieht anders aus und ist sehr viel bescheidener und enorm arbeitsintensiv. Ich hoffe dennoch, dass du dich nicht zu schnell zurückziehst. Es würde eine schwer zu schließende Lücke hinterlassen.

Vielen Dank!

Und herzliche Glückwunsch zu dem Hans Abich Preis!

Rainer Kaufmann