Das Herz an der Wand

Laudatio zur Verleihung des Hans-Abich-Preises an Julia von Heinz 
am 29. November 2019 in Baden-Baden

von Dr. Andrea Stoll

 

Liebe Julia, liebe Jury, verehrte Anwesende!

Für das, was in der Geschichte der Malerei schon vor über 30 Jahren in den Fokus der Öffentlichkeit geriet, hat die vergleichsweise junge Filmkunst deutlich länger gebraucht:

die Frage nach dem Einfluss des Geschlechts auf die Handschrift einer Inszenierung.

Gendergerechtes Erzählen heißt das heute, doch da die Geschichte des Erzählens jahrtausendelang eine männliche war, sollten wir schon deutlicher werden.

Es ist die Frage nach dem weiblichen Blick bei der Auswahl des Themas, der Führung der Figuren, ihrer Konflikte, Masken und Kostüme, bei dem Zugriff auf die vielen kleinen Momente, die aus einer Figur erst einen Menschen machen.

Einen Menschen, dem wir gern zuschauen, weil wir plötzlich etwas verstehen, was wir so noch nie zuvor gesehen haben, weil es nur zu dieser einen Figur gehört, weil es sie lebendig macht und über den Moment des Films hinaus im Leben verortet.

Nun werden sich einige von Ihnen zurücklehnen und sagen: „Ja klar, darum geht es doch immer, wenn künstlerische Qualität im Spiel ist. Das betrifft männliche Autoren, Regisseure und Kameraleute genauso wie weibliche.“

Nur, dass die schon immer im Spiel waren und wir uns angewöhnt haben, die Welt mit ihren Augen zu sehen: perfekt geschminkte Frauen beim Aufwachen um sechs Uhr früh, in edle Designerkleidung gehüllte Hausfrauen, die auch um zwei Uhr mittags so traumverloren die Tür ihres Reihenhauses öffnen, als ob sie gleich auf den nächsten Catwalk zusteuern wollen.

Erotik und Sexualität finden sich männlich-traditionell zumeist ganz klar auf den Akt der Inbesitznahme ausgerichtet und nicht auf die bedeutsamen Sekunden davor, die nämlich, die darüber entscheiden, um was es hier geht:

um einvernehmliches Begehren oder um Gewalt, kurzum um das, was einer weiblichen Regie wichtig sein könnte und was nicht jeder Mann in dieser Genauigkeit sieht oder sehen will.

Dafür sieht er anderes, sieht, was ihm wichtig ist, und natürlich sehen beide Geschlechter und all die dazwischen noch viel mehr und stimmen glücklicherweise auch in vielem überein, wenn es um künstlerische Qualität gehen sollte.

Aufregend aber wird es da, wo es Unterschiede gibt. Aufregend wird es, wenn Du, liebe Julia, Hand anlegst an Geschichten, an Figuren und in einer ganz besonderen Weise an die Frauen, die Du inszenierst.

Das, was die Nationalgalerie in Berlin gerade mit einer Ausstellung über im Depot vergessene Künstlerinnen der Jahrhundertwende „Kampf um Sichtbarkeit“ nennt und die nicht gerade als feministisches Zentralorgan bekannte FAZ als „Emanzipation des weiblichen Blicks“ bezeichnet, das verfolgst Du - spätestens seit Katharina Luther für alle unübersehbar - mit Power und Präzision, Bildgewalt und einem Inszenierungswillen, der in ebenso tief-emotionaler wie kühl-analytischer Weise auf mitunter verspielt-winzigen Momenten besteht, die uns aber mehr vom inneren Drama Deiner Figuren erzählen als das strenge Festhalten am fernsehspieltauglichen Regelwerk.

Das gilt für die Figur der Katharina, die sich im Gegensatz zu vielen anderen historischen Filmfiguren eben nicht scheut, die Hände dreckig zu machen. Katharina schwingt sich von der gedemütigten Nonne im Ehestand zur Freiheit eines allseits geachteten „Herrn Käthe“ auf, weil sie in ihrer Ehe, bei der Führung ihrer Familie und dem Managen des Luther-Hauses lange vor der Aufklärung darauf besteht, vom Recht ihres Verstandes Gebrauch zu machen.

Wie Du, liebe Julia, die Geschichte der körperlichen Vereinigung der Eheleute Luther erzählst, die aus der Vorgeschichte von Nonne und Mönch zeitverzögert und auch erst dann stattfinden kann, als der vergeistigte Martin die Augenhöhe seiner Katharina erkennt, sie gleichberechtigt an die Mittagstafel sich zur Seite bittet und die natürlich von Katharina selbst ausgehen muss, das ist eben keine tausendfach gesehene Geschichte von der widerspenstigen Zähmung, das ist die Perspektive einer genderbewussten weiblichen Regisseurin auf eine außerordentliche historische Frauenfigur, die darauf besteht, ein Mensch zu sein, die nicht die Hälfte des Himmels einfordern muss, sondern nur dieses eine Leben in seiner Ganzheit mit dem Mann teilen will, den sie liebt.

Große Emotionen also? Oh ja – aber eben nicht nur, solange eine Regisseurin wie Julia keine Angst hat, sich dabei die Hände mindestens genauso schmutzig zu machen wie Katharina in ihrem häuslichen Elend und dafür auch schon mal einen Shitstorm aushält, wie es ihr 2019 bei ihrem hier ja auch gerade in Baden-Baden gezeigten Tatort – Für immer und dich passiert ist.

In Deutschland, wo das Spiel zwischen E und U noch immer zu den letzten Tabus gehört und das strenge Drama als allein passende Form für das Dramatische gilt, pfeifst Du, liebe Julia, auf diese Regeln und setzt als legitimiertes Rosakind lieber auf die Kraft des Anarchischen; liebst, um mit dem Dichter Robert Gernhardt zu sprechen, die „Kippfiguren“, die eben nicht nur so und nicht anders, sondern auch ganz anders als so anders verstanden werden können. Dass das, worauf es Dir ankommt, nicht bedeutungsschwer, sondern auch leichtfüßig mit Rio Reiser gepfiffen werden kann, hast Du Dir früh in Deine künstlerische DNA eingeschrieben. Und so ist es eben kein Zufall, wenn Du auch ein Format wie den Tatort zu Deinem persönlichem Experimentierfeld bestimmst, um Figuren zu schaffen, die aus jedem Schwarz-Weiß-Schema springen.

Was Du, liebe Julia, mit der 15-jährigen Emily und ihrem Begleiter Martin beim Aufwachen auf einem schäbigen Bett veranstaltest, wie es Dir gelingt, aus einer tausendmal gesehenen Szene, aus einem kleinen Hin und Her etwas Einmaliges zu entwickeln, das ist nicht genderneutrale Regiekunst, das offenbart die Wucht einer weiblichen Perspektive, die im entscheidenden Moment die Kamera zur Komplizin des Mädchens bestimmt und ihren Blick Zuflucht bei einem gekritzelten Herz an der Wand nehmen lässt.

Wir, die wir diesem fragwürdigen Paar zusehen, halten uns ebenso an diesem Herz an der Wand fest wie das Mädchen.

Deine Kunst macht uns zu Geiseln ihrer Lage, und wer auf einen voyeuristischen Moment spekuliert hat, bleibt genauso an diesem schäbigen Gitterherz hängen, verraten und verkauft an diesen elenden Augenblick, aus dem uns erst der Hund befreit, der dazwischen springt und uns genauso erleichtert wie er Emily Rettung verschafft, nicht aus ihrem preisgegebenen Leben, aber aus diesem einen miesen Moment.

Eine Atempause, auch für uns, Deine Zuschauer, weil Dein schonungsloses In-die-Haut-Deiner-Figuren-Kriechen unsere eigene Haut nicht schont und es da wehtun lässt, wo wir vielleicht schon lange nichts mehr gefühlt haben.

Frau Dr. Julia von Heinz, soviel Zeit muss sein – denn auch eine Promotion hast Du, liebe Julia, die Du längst auch als Professorin an der Münchner HFF tätig bist, neben Deinem Diplom als Kamerafrau, neben Deiner Familie mit drei Kindern und Deinen anderen großartigen Filmen, einfach mal so bewältigt.

Über die Frauenfiguren in Deinen Filmen gäbe es noch viel Schönes zu erzählen: über die jugendliche Ausreißerin Carla in Was am Ende zählt, Deinem ersten Langfilm, der auf der Berlinale 2007 Premiere hatte und Dir den Deutschen Filmpreis in Gold als Bester Jugendfilm einbrachte, genauso wie über Deinen hinreißenden Dokumentarfilm Standesgemäß, der das emotionale Elend hinter der aufgerüschten Fassade adeliger Singlefrauen unnachahmlich portraitiert und Dir 2009 den Bayerischen Fernsehpreis „Blauer Panther“ bescherte.

Und natürlich über Deine Hanna in Deinem Film Hannas Reise, der 2014 in die Kinos kam und der auch und gerade auf jüdischen Filmfestivals höchste Anerkennung erfuhr.

Deine Promotion, übrigens mit dem Titel „Die freundliche Übernahme – Der Einfluss des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf den deutschen Kinofilm von 1950 bis 2012“, ist ein weiterer Beleg dafür, dass Du keine Mühen scheust, um Dir das Feld, auf dem Du arbeitest, genau, ganz genau anzuschauen und einen Weg zu gehen, den Du bestimmst und der über alle Genres, Fernseh- oder Kinomöglichkeiten hin Dein ureigener ist.

Dass das so bleibt, wollen wir nicht nur hoffen, sondern auch dezidiert wünschen bei einem Preis, der angesichts Deiner Jugend keine Würdigung Deines Lebenswerkes, sondern eine Hoffnung ist: auf MEHR, MEHR, MEHR solcher Filme, in denen Frauen eben nicht STARKSTARKSTARK sein müssen, wie Du es hier in Baden-Baden schon einmal formuliert hast, sondern verwundbar, unkorrekt und unmoralisch, uneindeutig, zweifelnd an sich und den anderen. Einfach pralles Leben!

Ach, und wer neben dem Anschauen Deiner Filme noch Lust auf Malerei hat, der kann sich gern in der Berliner Nationalgalerie bis zum 8. März 2020 vor das 1904 gemalte Bild von Dora Hitz „Kirschenernte“ stellen. Eine tausendfach gemalte Genreszene, in der Frauen, Männer und Kinder nach getaner Arbeit im Schatten ausruhen. Alles wie immer? Nein, nicht ganz, weil da eine Frau den Pinsel in der Hand hatte, die etwas sieht, was nur sie sehen will. Sie entscheidet sich dafür, das Entsetzen im Gesicht einer jungen Frau genau in dem Moment festzuhalten, in dem alles so heiter und friedlich, so tausendfach gesehen daherkommt, weil ihre Perspektive an der Fassade des schönen Scheins nicht haltmacht, weil es der Blick einer Frau ist, die sich nicht täuschen lässt, nicht weil sie mehr, sondern weil sie andere Erfahrungen hat als die Männer und deshalb auch anders sieht.

Eine Urgroßmutter Deiner Kunst, liebe Julia, die Du in Deinen Filmen ins volle Leben greifst und Deine Frauenfiguren damit freikratzt von dem, was uns allzu bekannt vorkommt, um sie endlich ungeschminkt und kraftvoll als ganze Menschen sichtbar zu machen.