Begründung Jury der Studierenden 2020

Wir, die Jury der Studierenden des diesjährigen FernsehfilmFestivals Baden-Baden, haben in den letzten Wochen das Vergnügen gehabt, zwölf Fernsehfilme schauen und diskutieren zu dürfen. Auch wenn wir es sehr bedauern, nicht gemeinsam zusammenkommen zu können und Sie nur im virtuellen Raum kennenlernen zu dürfen, möchten wir uns hiermit bei der Festivalleitung bedanken, auch der jungen Generation eine Stimme zu geben. 

Es gab drei Produktionen, die uns begeistert haben und hitzig diskutiert wurden. Die Wahl ist uns nicht leicht gefallen.

Die Mehrzahl der Produktionen erzählt von weißen, heterosexuellen Kernfamilien des gehobenen Mittelstandes und bietet dem Zuschauer ein undiverses und nicht mehr zeitgemäßes Bild unserer Gesellschaft.

Wir wünschen uns mehr Mut bei der Wahl der Themen und Hauptfiguren. Die Angst, ein Publikum zu verschrecken, ist unbegründet, wenn man den Mut und Anspruch hat, in die Tiefe der Geschichten einzutauchen und handwerklich und emotional zu erzählen.

Viel zu oft sehen wir eine uninspirierte Kamera, die Gesichter abfilmt, während im Dialog, der völlig auf Subtext verzichtet, der Plot verhandelt wird. Das grau-grüne Grading mag mittlerweile ein Markenzeichen des Tatorts geworden sein, wird aber zunehmend auch von anderen Filmen übernommen, die nicht zu der Reihe gehören. So entsteht ein verwaschener, einförmiger Look, der exemplarisch für die Einförmigkeit der hiesigen Fernsehlandschaft ist.

Lassen Sie uns wagemutig sein! Lassen Sie uns mehr auf die Story als auf den Plot bauen! Lassen Sie uns den Filmemacher*innen die Zeit und den Raum geben, die Geschichten handwerklich ambitioniert und visuell zu erzählen!

Bevor wir den Gewinner unseres Preises ehren, möchten wir zwei Produktionen lobend erwähnen, die uns durch ihren Mut und ihre handwerkliche Präzision begeistert haben.

„Herren“ (BR/ARTE)ist ein Feel-Good-Movie mit ernster Botschaft und besticht durch die Tiefe seiner Charaktere, die bis in die Nebenfiguren mit großer Liebe zum Detail ausgearbeitet sind. Der Film setzt sich ernsthaft mit dem Thema Rassismus auseinander, es gelingt ihm dabei einen ehrlichen Blick auf das Problem zu werfen und nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. Gerade dieser Mut zum Ungeschönten ist es, der „Herrenso sehenswert macht. 

„Totgeschwiegen“ (ZDF) ist ein packender Ensemblefilm, der sich für die Psychologie seiner Hauptfiguren interessiert und ambitioniert ein Dilemma schildert. Dabei wechselt der Film die Perspektive zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern und schafft es so, den Konflikt generationsübergreifend spannend zu erzählen. Die Kamera ist nah an den Protagonist*innen, das Schauspiel ist bis in die Nebenrollen überzeugend.

Der Preis der Studierenden 2020 geht an den Film STERNE ÜBER UNS (ZDF/ARTE).

Der unbedingte Wunsch, der Obdachlosigkeit zu entkommen, scheitert immer wieder. Der Film bietet ein realistisches Spiegelbild unserer Gesellschaft und wirft den Blick auf ein wichtiges Thema, das viel zu selten im Fokus steht. 

Regisseurin Christina Ebelt beweist ihr handwerkliches Können und trifft kluge Entscheidungen, die der Geschichte inhärent sind. Die Inszenierung der Schauspieler*innen und das präzise Kostümbild seien hier nur beispielhaft erwähnt. Besonders aber das Pacing korrespondiert hervorragend mit dem Stresslevel der Hauptfigur. Die Spannung der jungen Mutter ist so in jeder Szene spürbar, was auch der Drehbucharbeit von Christina Ebelt und Franziska Krentzien zu verdanken ist.

Besonders preiswürdig erscheint uns das Schauspiel der Hauptdarstellerin Franziska Hartmann. In jeder Sekunde glaubwürdig, zeigt sie uns das Drama ihrer facettenreiche Figur und macht den Film somit zu einem ebenso mitreißenden wie einfühlsamen Seherlebnis. 

Vielen Dank an das gesamte Team von „Sterne über uns“ (ZDF/ARTE) für diesen tollen Film. 

Die Jury der Studierenden 2020

Studierende der Filmakademie Baden-Württemberg (Olivia Helminger/Vorsitz, Lena Schäfer, Daniel Tenné) und der Hochschule für Fernsehen und Film München (Justina Jürgensen, Anna-Lena Pietzner, Melissa Byrne)

Preis der Studierenden